BUCHVORSTELLUNG: Die Angst vor den anderen - von Zygmunt Bauman

von Erik Boß (Kommentare: 0)

ISBN 978-3-518-07258-5

Alle Fotos im nachfolgenden Beitrag aus meinem Bildarvchiv.

Als im letzten Herbst die AFD bei den Landtagswahlen ihre ersten gefährlich großen Erfolge einfuhr, war ich sehr beunruhigt. Wo konnte ich neue Argumenten und Ideen finden, die noch nicht so abgedroschen sind und die ich möglicherweise mit Sympathisanten der AFD in einem Gespräch einbringen könnte. Ich bin durch Zufall an dieses kleine Buch von Zygmunt Bauman geraten, das gerade in der Berliner Zeitung vorgestellt wurde. Ich kannte den Autor bis dahin nicht.

Ich habe mir zunächst Kerngedanken des Buches ganz altmodisch abgeschrieben auf meinen PC. Die Textverarbeitung hat sofort alles grün unterstrichen und moniert, die Sätze seien viel zu lang. In der Tat, das Buch liest sich nicht gut. Ich kann es auch anders formulieren: Das Buch erfordert beim Lesen ein hohes Maß an Konzentration.

Flüchtlinge und kein Ende

Ausgangspunkt der Schrift ist die Flüchtlingsproblematik. In den letzten Jahren ist „der Anteil der Flüchtlinge und Asylsuchenden an der Gesamtzahl der an den Toren Europas anklopfenden Migranten sprunghaft angestiegen“. Bauman denkt dabei in erster Linie an Flüchtlinge aus islamischen Staaten, weniger an Flüchtlinge aus Afrika. Die Gründe für die Flucht sieht er in den Herkunftsländern, wo „in der wachsenden Zahl scheiternder oder vielmehr bereits gescheiterter Staaten“ die „diktatorischen Regime durch das rund um die Uhr geöffnete Theater völliger Gesetzlosigkeit und entfesselter Gewalt ersetzt wurden“. Und woher stammen die Waffen in den Konfliktregionen? „Durch den weltweiten, jeder Kontrolle entzogenen und von der profitgierigen Rüstungsindustrie befeuerten Waffenhandel, mit stillschweigender … Unterstützung durch Regierungen, die sich ganz der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts verschrieben haben.“

Die Fremden sind nicht willkommen

In Europa gibt es für Flüchtlinge, von Ausnahmen abgesehen, keine Willkommenskultur. „Den schutzsuchenden Flüchtlingen werden die unterschiedlichsten Vorwürfe gemacht: Sie brächten tödliche Krankheiten mit, stünden im Dienst des Islamischen Staats, wollten nur von den europäischen Sozialsystemen (oder deren Überresten) profitieren oder hätten die Absicht, Europa zum Islam zu bekehren oder der Herrschaft der Scharia zu unterwerfen.“ Auch wirtschaftliche Gründe der Einwohner in den Industriestaaten führen zur Skepsis gegenüber Flüchtlingen: „Für die Masse der bereits heute unter existenzieller Unsicherheit, einer prekären sozialen Situation und ungewissen Aussichten leidenden Bevölkerung signalisiert der Zustrom … noch mehr Konkurrenz und sinkende Aussichten auf eine Verbesserung der Zustände.“

Irrationale Ängste machen sich breit

Bauman interessiert nun, wie sich das Zusammenwirken von Flucht und Skepsis weiter entwickelt. Er sieht hinter diesen Vorurteilen noch weitere Vorbehalte gegen die Neuankömmlinge. „Fremde lösen gerade deshalb oft Ängste aus, weil sie fremd sind – also auf furchterregende Weise unberechenbar und damit anders als die Menschen, mit denen wir täglich zu tun haben und von denen wir zu wissen glauben, was wir von ihnen erwarten können.“ Diese Angst vor Unbekanntem ist nicht selbstverständlich. „Dicht bevölkerte städtische Regionen bringen unausweichlich zwei gegensätzliche Impulse hervor: Einerseits Mixophilie (eine Vorliebe für vielfältige, heterogene Umgebungen, die unbekannte und unerforschte Erfahrungen ermöglichen und daher die Freuden des Abenteuers und der Entdeckung versprechen). Und andererseits Mixophobie (die Angst vor einem nicht beherrschbaren Ausmaß an Unbekanntem, nicht zu Bändigendem, Beunruhigendem und Unkontrollierbarem).“ Ich selbst finde die Begriffe sperrig, aber ich denke, sie sind gut geeignet, sich selbst mit seinen Anteilen auf beiden Seite der Skala einzuordnen.

Flüchtlinge wecken in uns Seiten, die wir lieber nicht sehen wollen, weil sie uns an die „Zerbrechlichkeit unseres hart erarbeiteten Wohlstands“ erinnern. Die in großen Massen vor unserer Tür auftauchenden Flüchtlinge zwingen uns, „den bislang beruhigend und tröstlich unsichtbaren Aspekten der Realität unserer Welt ganz unmittelbar ins Auge zu blicken.“ Viele erinnern sich nicht mehr, „dass der Job schon unsicher und der Wohlstand schon gefährdet war, bevor sie auf den Straßen auftauchten.“ Die ständig neu eintreffenden Migranten werden, um es mit Berthold Brecht zu sagen, als „Boten des Unglücks empfunden. Sie verkörpern den Zusammenbruch der Ordnung.“ Die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt ist denn auch alles andere als vernünftig: „Es ist eine menschliche – allzu menschliche – Gewohnheit, den Boten für den unerwünschten Inhalt der von ihm überbrachten Botschaft verantwortlich zu machen.“

Misstrauen und Depression

Wir sind nicht nur gegenüber Flüchtlingen misstrauisch. Das Misstrauen ist bei Erwachsenen in der westlichen Welt quasi zur zweiten Haut geworden. Den Grund dafür sieht Bauman in der Leistungsgesellschaft. „Als Mitglied der Leistungsgesellschaft ist man daher per se in den marktorientierten Kauf und Verkauf von Waren involviert – und es ist die individuelle Leistung, die man auf dem Markt anbieten muss. Dazu muss man andere Verkäufer überbieten und sich besser verkaufen als sie … Da die anderen Menschen in der näheren Umgebung – Nachbarn, Arbeitskollegen oder Passanten – am selben Spiel teilnehmen müssen, geraten sie zunächst ganz automatisch in den Verdacht, übel gesinnte, böswillige Rivalen zu sein und gelten bis zum Beweis des Gegenteils als solche.“ Die Folgen dieser ständigen Konkurrenz und Rivalität sind für den Einzelnen gravierend: „Das Gespenst, das in einer Gesellschaft von Menschen umgeht, die vor allem Leistung erbringen sollen und wollen, ist die Angst, sich selbst als ungenügend zu fühlen, und die Angst vor den unmittelbaren Auswirkungen dieser Einsicht – dem Verlust der Selbstachtung – sowie ihren wahrscheinlichen Folgen: Ablehnung, Verbannung, Exklusion.“ In der Leistungsgesellschaft herrscht die Angst vor dem eigenen Ungenügen, die Depression wird zur „Leitkrankheit der Leistungsgesellschaft“. Die Depression geht nicht auf ein Übermaß an Verantwortung und Pflichten zurück, sondern auf den „Imperativ der Leistung als neues Gebot der spätmodernen Arbeitsgesellschaft“.

Die Politik instrumentalisiert das Thema für sich

Die Politik sollte eigentlich das Feld sein, wo die Flüchtlingsprobleme und die der Leistungsgesellschaft selbst innewohnenden Probleme angegangen werden. Aber das Gegenteil ist der Fall. „Zur ersten Sorte (von Problemen, mit denen sich Regierungen nicht befassen) gehören so wichtige Faktoren der conditio humana wie hochwertige Arbeitsplätze, Zuverlässigkeit und Stabilität des sozialen Status, effektiver Schutz vor sozialem Abstieg und Sicherheit vor Verletzungen der Würde.“ Die reale Unsicherheit, „die sich in der existentiellen Situation eines immer weiter wachsenden Teils der Bevölkerung verfestigt hat, ist Wasser auf die Mühlen der Politiker. Diese Labilität steht im Begriff, zu einem wichtigen – und vielleicht sogar zum wichtigsten Material zu werden, aus dem die heutige Regierungstechnik geformt wird.“ Bauman hat sein Buch übrigens vor der Wahl von Trump geschrieben. In den USA etwa ist die Lage so, dass zwei Drittel der Amerikaner von einem Gehaltsscheck zum nächsten leben. Die meisten können jederzeit ihren Job verlieren … Wenn sie ihre Miete oder Hypotheken, ihre Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs nicht mehr bezahlen können, verlieren sie den Halt.“ Und so ist es auch kein Wunder, dass sie „bereit wären, einen starken Mann zu unterstützen, der verspräche, sie vor diesem Chaos zu schützen; der verhinderte, dass Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden; der die Wall Street in die Schranken und es China einmal richtig zeigen würde; der die illegalen Einwanderer aus dem Land werfen und dafür sorgen würde, dass keine Terroristen ins Land kämen. Einen starken Mann, der Amerika wieder groß machen würde – womit in Wirklichkeit gemeint ist, dass der arbeitende Durchschnittsamerikaner wieder in Sicherheit leben kann.“ Nicht nur Trump, auch Politiker in Europa, bedienen sich dabei eines „Taschenspielertricks“, nämlich die „Versicherheitlichung“ der anstehenden Probleme.

Flüchtlinge werden im Ansehen zu potentiellen Terroristen gemacht

Diese Versicherheitlichung „verschiebt die Angst von Problemen, die der Staat nicht zu lösen vermag (oder gar nicht erst angehen möchte), auf Probleme, mit denen die Regierung sich … eifrig … auseinandersetzt.“ Die Demonstration des Willens zu entschlossenem Handeln ist dabei ein Kernelement. Vor allem der Kampf gegen Terroristen bietet die Chance, sich als Politiker zu profilieren. Unter der Sorte von Problemen, die eifrig angegangen werden, „hält die Spitzenposition mit Leichtigkeit der Kampf gegen Terroristen … zumal dieser Kampf die Chance bietet, die Legitimation der Macht und die Effekte der Bemühungen, Wählerstimmen zu sammeln, auf lange Zeit zu nähren und aufrechtzuerhalten.“ Gefährlich ist, dass unbestimmte Ängste, die sich aus prekären wirtschaftlichen Verhältnissen ergeben, und Versagensängste, resultierend aus der Leistungsgesellschaft, so umgeleitet werden können auf das Flüchtlingsthema. „Wir können folgende Prognose wagen: Wenn man die Intensivierung von Ängsten mit einem Fokus auf einen spezifischen, sichtbaren und greifbaren Gegner verbindet, wird sie dauerhafter sein als im Fall diffuser, zerstreuter und frei flottierender Ängste unbekannten Ursprungs.“ Fatal ist daran vor allem, wie sich dadurch das Menschenbild von Flüchtlingen verändert. „Sind die Migranten in der öffentlichen Meinung erst einmal der Kategorie potentieller Terroristen zugeordnet, stehen sie außerhalb des Bereichs der moralischen Verantwortung – und vor allem außerhalb des Raumes, in dem Mitgefühl und der Impuls, anderen zu helfen, zum Zuge kommt."

Flüchtlinge und Moral

„Moralisch sein heiß im Kern, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu kennen und zu wissen, wo die Grenze zwischen beiden verläuft. … Im weiteren Sinne heißt moralisch sein auch, die eigene Verantwortung für die Förderung des Guten und den Widerstand gegen das Böse zu erkennen.“ Diesem Satz von Bauman würden sicher auch AFD-Wähler zustimmen. Wie schaffen die es, Flüchtlinge von ihrer Moral auszunehmen? Ihr Trick läuft darauf hinaus, „dass man den von unserer moralischen Verantwortung ausgenommenen Menschen Eigenschaften zuschreibt, die ihr Bild beschmutzen und verunglimpfen. Die betreffende Gruppe wird als unserer Rücksicht und unseres Respekts unwürdig dargestellt, und dieses Bild rechtfertigt unsere Missachtung und mangelnde Fürsorge als verdiente Strafe für die unheilbaren Laster oder böswilligen Absichten derer, die wir übergehen und ignorieren, schlecht behandeln oder herzlos vernachlässigen … In ihrer Gesamtheit führen diese Unterstellungen, Verunglimpfungen und Verleumdungen in allererster Linie zu einer Entmenschlichung der Neuankömmlinge.“ Diese Entmenschlichung „führt zu einer Verschiebung des Migrationsproblems aus dem Bereich der Ethik in den der Sicherheitsbedrohung.“

Schutzraum Internet

„Impulsive Angst angesichts der Fremden, die unergründliche Gefahren mit sich bringen, tritt in Wettstreit mit dem moralischen Impuls, den der Anblick menschlichen Elends auslöst. Selten dürfte die Herausforderung für die Moral in ihrem Bemühen, den Willen zu überreden, ihrem Gebot zu folgen, gewaltiger gewesen sein; und selten dürfte das Bemühen des Willens, seine Ohren vor den Geboten der Moral zu verstopfen, qualvoller gewesen sein.“ Eine Möglichkeit, den moralischen Entscheidungen aus dem Weg zu gehen und sich von den Problemen abzuwenden, ist die Flucht in die Online-Welt. „Wir leben heute wie noch niemals zuvor in zwei verschiedenen Welten, nämlich online und offline. In der Offline-Welt bin ich unter Kontrolle. In der Online-Welt hingegen bin ich verantwortlich und habe die Kontrolle. Die Online-Welt schafft die Vision einer Sorgenfreiheit, die nicht dadurch eintritt, dass man die im Offline-Teil des Lebens unlösbaren und ärgerlichen Rätsel und Probleme gelöst hätte, sondern dadurch, dass man ihre Lösung aufschiebt, indem man sie unter den Teppich kehrt, aus dem Blickfeld entfernt.“ Innerhalb dieses Online-Schutzraums „ist man sicher vor der Notwendigkeit, dem Gegner direkt gegenüberzutreten … Man bedient sich des einfachen Hilfsmittels, die Augen vor der Anwesenheit des Gegners zu verschließen und die Ohren vor seinen Argumenten zu verstopfen. Forscher haben herausgefunden, dass viele Nutzer das Internet einsetzen, um sich gegen den Anblick und den Lärm des Schlachtfelds abzuschotten. Zu der so entstandenen „Wohlfühlzone“ werden nur Gleichgesinnte zugelassen, während man der Gegenseite den Zutritt verwehrt.“

Und nun?

Das Migrationsthema ist nicht neu. „Dieser stetige Strom von Menschen auf der Suche nach einem annehmbaren Lebensstandard (einem Strom, der seit Anbeginn der Menschheit fließt und von der modernen Industrie mit ihren überschüssigen Menschen und verworfenen Leben nur beschleunigt worden ist).“ Migration lässt sich nicht verhindern, stattdessen müssen wir „nach Möglichkeiten suchen, in einen engen und immer engeren Kontakt mit den anderen zu gelangen, der hoffentlich zu einer Verschmelzung der Horizonte führt statt zu einer Spaltung … Die Menschheit befindet sich in der Krise – und es gibt keinen anderen Ausweg aus diese Krise als die Solidarität zwischen den Menschen.“ Dieser Weg verweist „auf beängstigend anstrengende, aufrüttelnde und dornige Zeiten. Er wird keine sofortige Erleichterung von der Angst bringen, sondern dürfte zunächst sogar noch mehr Ängste auslösen und das bestehende Misstrauen wie auch die vorhandenen Animositäten weiter verstärken.“ Vielleicht ist es tröstlich auch einmal daran zu erinnern, das Migration nicht unbedingt ökonomisch belastend sein muss, sondern perspektivisch sogar ein Wirtschaftsfaktor. „Die EU sagt voraus, dass bis 2017 drei Millionen Flüchtlinge ihr Territorium erreichen werden. Das wird positive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Letztlich ist das der Grund, warum Menschen nach Europa kommen, auch weiterhin kommen werden und am Kommen nicht gehindert werden können. Sie suchen dasselbe wie wir alle: ein besseres Leben. In Wirklichkeit werden diese Menschen unsere Wirtschaft bereichern und ihr nichts wegnehmen. Ja, am Anfang wird es schwer sein, aber sie werden zu einem Teil der Zukunft Europas, ob uns das gefällt oder nicht.“

Dialog und Horizontverschmelzung

Bauman meint, wir brauchen keinen starken Mann in der Politik, sondern ein starkes Volk, das bereit ist, aktiv zu werden und nicht immer nur über Probleme nachdenkt. „Der Hauptunterschied zwischen Denken und Handeln besteht darin, dass ich nur, während ich denke, mit meinem eigenen Selbst oder dem Selbst eines Anderen zusammen bin, wohingegen ich mich in dem Augenblick, in dem ich zu handeln beginne, in der Gesellschaft der Vielen befinde.“ Die Handlung bringt mich in den Dialog mit anderen und dieser Dialog wiederum wird neue Sichtweisen hervorbringen. „Wenn wir bestrebt sind, die Brücke zwischen Denken und Handeln zu finden, müssen wir uns auf den Bereich der Soziologie und der Kunst des Dialogs konzentrieren.“ Der Dialog zielt dabei nicht unbedingt auf Einvernehmen, sondern auf wechselseitiges Verständnis. „Verstehen ist eine Horizontverschmelzung, es ist die Schaffung eines gemeinsamen Rahmens oder Horizonts … Horizontverschmelzung und Lebensweltverschmelzung greifen ineinander, bedingen sich wechselseitig und steuern auf einen wie auch immer gearteten Zustand zu, der als ihre erfolgreiche Vollendung gilt.“

Kurz, nachem ich das Buch ausgelesen habe, ist der Autor in England im Alter von 91 Jahren verstorben.

 

Vielen Dank für euer/Ihr Interesse an meiner Buchvorstellung und den Fotografien.
Erik Boß

 

Zygmunt Bauman
Die Angst vor den anderen
Ein Essay über Migration und Panikmache
2016 Edition Suhrkamp
124 Seiten
ISBN 978-3-518-07258-5

 

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